Weg vom Schokoladen-Mainstream

Josef Zotter führte auf seiner Keynote beim Frühschoppen 2.0 aus, welche Rolle Menschlichkeit in seiner Schokoladenmanufaktur spielt.

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Unternehmer:innen wird gerne nachgesagt, dass ihre primäre Motivation monetärer Natur sei. Das hat Josef Zotter immer hinterfragt, denn es gibt Gründe, die über das reine Geld hinausgehen. Diese sind mitunter nicht sofort erkennbar, und auch bei ihm passierte vieles aus einem Zufall heraus. Aber auch solche Zufälle gilt es zu erkennen und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen, die sich als richtig oder auch als falsch erweisen können. Sein Ratschlag an Gründer:innen lautet deshalb: Zerdenkt nicht alles, sondern macht etwas - und zwar am besten das, was ihr gerne macht.

Josef Zotter kommt von einer kleinen Landwirtschaft, und in jungen Jahren wollte er runter vom Berg und weg vom Land. In der Gastronomie sah er eine Chance zum Ausbruch und reiste nach der Lehre zum Koch durch die Welt. Bis er mit 26 Jahren in einem Luxushotel in New York merkte, dass ihm etwas fehlt: Er wollte selbstständig werden, und da seine Freundin zu diesem Zeitpunkt schwanger war, zog es die junge Familie zurück nach Österreich.

Wer auffällt, hat Erfolg

In Graz übernahm er eine Konditorei, bei der es nur ein Problem gab: Der Kundenstamm war zu alt, und um die Aufmerksamkeit der hippen Studierenden auf sich zu ziehen, ließ er sich etwas einfallen. Mit ausgefallenen Rezepturen wie Chili- oder Hanftorten lockte er nicht nur die Jugend, sondern auch schon mal die Polizei in sein Haus.

Es folgten mehrere Lokale, bis im Jahr 1987 gemeinsam mit Ulrike Zotter der Grundstein für das Familienunternehmen Zotter Schokoladen gelegt wurde. Bereits 1992 wurde die handgeschöpfte Schokolade entwickelt, für die das Unternehmen bis heute berühmt ist. Allerdings war das nur durch die Einführung des Euros möglich: Aus Zotters Sicht führten die neuen Preise dazu, dass die Kund:innen das Preisgefühl für die mehr als fünfmal so teuren Zotter-Schokoladen verloren - und so folgte in den nächsten Jahren ein immenses Wachstum.

Aber warum stammt die Zotter-Schokolade zu 100% aus fairem Handel und ist zu 100% Bio? Die Antwort liegt in einer frühen Reise nach Nicaragua, wo Kakaobauern in prekären Umständen leben. Zotter wollte nicht, dass diese ihn für einen Deal mit ungünstigen Konditionen förmlich anbetteln müssen, also gab es einen besseren Deal: Wer ihm Kakao in einer von ihm definierten Top-Qualität liefern kann, wird auch überdurchschnittlich bezahlt. Denn wenn ein Rohstoff die höchste Qualität bietet, wird auch die Schokolade besser.

Insourcing statt Outsourcing

Die Zotter Schokoladenmanufaktur hat früh damit begonnen, den Produktionsprozess unter ihre Kontrolle zu bringen. Das ermöglichte es, Kakao zu fairen Konditionen zu beziehen und experimentell mit diesem zu arbeiten. So kommen heute jährlich über 70 neue Schokoladensorten auf den Markt, und was sich nicht durchsetzt, landet mit einem eigenen Grabstein auf dem Ideenfriedhof im Schokoladenwerk im steirischen Riegersburg.

Ebenfalls früh kam hier die Idee auf, die 3,5 Hektar Land rund um die Produktionsstätte sinnvoll zu bewirtschaften. Der essbare Tiergarten ist das Resultat dieser Überlegungen: Besucher:innen können sich hier Schweine und andere Tiere im natürlichen Habitat aussuchen, die geschlachtet und in der gewünschten Menge Fleisch verkauft werden.

Orthopädische Schuhe für 250 Mitarbeiter:innen

Ein großes Thema bei Josef Zotter ist die Mitarbeiterzufriedenheit. Und da er sich bewusst ist, dass die wenigsten Menschen wirklich gerne arbeiten, wendet er hier ein paar Tricks an. So entstand zum Beispiel eine große Kantine mit Ausblick aufs weite Land, in der alle Speisen und Getränke gratis angeboten werden. 

Ebenso wurde ein Kindergarten im Werk eingerichtet, einen besonderen Clou ließ sich die Familie Zotter jedoch bei der Körperhaltung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einfallen: In Zusammenarbeit mit einem Orthopäden ließ sie für die 250-köpfige Belegschaft orthopädische Einlagen und Schuhwerk entwickeln, die zu weniger Kreuzweh und einem besseren Gang beitragen. 

Und weil dieser Fokus auf Menschlichkeit von den nicaraguanischen Kakaoplantagen bis zu den Produktionsräumen der Schokoladenmanufaktur Vorteile für alle Beteiligten bringt, sagt Zotter heute: “Die Maximierung der Menschlichkeit ist mein größter Gewinn.”

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